In den letzten Jahren hat sich das ägyptische Rote Meer weltweit als das Reiseziel etabliert, an dem man Weißspitzen-Hochseehaien (Carcharhinus longimanus) unter Wasser begegnen kann. Ihre Präsenz an verschiedenen Tauchplätzen, insbesondere an den vorgelagerten Inseln im Herbst, hat Tausenden von Tauchern einzigartige und unvergessliche Begegnungen beschert. Doch leider hat diese Haiart wieder für Schlagzeilen gesorgt. Vor den Stränden des Süd-Sinai kam es zu einer ungewöhnlichen Serie von Angriffen auf Touristen, was offensichtliche Fragen nach den Ursachen oder Auslösern dieses äußerst untypischen Verhaltens aufgeworfen hat.
Es ist eine bekannte Tatsache, dass der Mensch die Meeresumwelt in den letzten Jahrzehnten drastisch verändert hat. Lebensraumzerstörung, Abfall- und Abwasserentsorgung sowie destruktive und unselektive Fangmethoden haben alle Ebenen des Meeresökosystems ernsthaft beeinträchtigt, einschließlich seiner Spitzenprädatoren: der Haie.
Eine weitere bekannte Tatsache ist, dass wir schlichtweg nicht genügend Informationen und Daten über die Haiarten des Roten Meeres haben, um die durch diese menschlichen Aktivitäten verursachten ökologischen und verhaltensbezogenen Veränderungen kompetent beurteilen zu können.
Die einzige Antwort ist gezielte Forschung, die die Grundlage der Longimanus-Initiative als Teil des Red Sea Sharks-Projekts von HEPCA bildet.
Aufbauend auf einer Populationsstudie über Carcharhinus longimanus, die im Herbst 2004 von Dr. Elke Bojanowski initiiert wurde, sammelt die Initiative Foto- und Videomaterial von Weißspitzen-Hochseehaien, das dann zur Identifizierung einzelner Haie mithilfe ihrer natürlichen Markierungen verwendet wird. Sofern wir Informationen darüber erhalten, wo, an welchem Tauchplatz und wann die Fotos/Videos aufgenommen wurden, können wir die Bewegungen dieser Haie verfolgen.
Die Fähigkeit, einzelne Tiere im Laufe der Zeit zu verfolgen, liefert wertvolle Einblicke in die Bewegungen der Haie, ihre Standorttreue, Lebensraumnutzung, ihr Verhalten, intra- und interspezifische Assoziationen sowie Fortpflanzungsparameter.
Mit der Unterstützung von weit über 500 Mitwirkenden umfasst die Datenbank derzeit fast 550 einzelne Haie und wächst mit jeder Saison stetig an. Die Feldarbeit wird auf Schiffen des Reiseveranstalters blue o two durchgeführt, wo die Gäste einen Beitrag zum Projekt leisten und sich über Haibiologie, Verhalten und Schutz informieren können.